Warum Holacracy nicht verstanden wird – Eine Diskussion mit Jon Husband und der Wirearchy

Ein ganz normaler Tag in meinem Leben. Ich bin wie immer dabei interessante Beiträge zu posten und zu lesen. Blogs und Links die sich mit meiner täglichen Arbeit beschäftigen – Social Business, neu Organisationsprinzipien und markterschütternde Methoden von Zusammenarbeit, Kommunikation und Information. Dabei bin ich auf den Beitrag von Ruben Timmerman auf Medium gestoßen. Ich mag sowohl die Tonalität wie auch das Thema, dem er sich widmet: Warum Du Holacracy nicht verstehst. Natürlich ist so ein Beitrag es mir wert, diesen auf Facebook zu teilen. Und da passiert es. Eine wundervolle und sehr spannende wie auch konstruktive Diskussion entsteht rund um die Fundamente, Begrifflichkeiten und Verortungen von Holacracy.

Jon_Husband

 Bild: kris krüg – BlogWalk Seattle 2005 – Jon Husband auf Flickr. Verwendung unter den Bedingungen derCreative Commons – BY-SA (Namensnennung-Verwendung unter gleichen Bedingungen).

Wirearchy

Nur damit auch klar ist, wer Jon Husband ist: Er ist der Autor, der Denker wie auch der schaffende Geist von Wirearchy. Dieses Buch wurde vor kurzem erst ins Deutsche übersetzt und steht bald zum kostenlosen Download hier zu Verfügung. Die Wirearchy versteht sich wie folgt:

„Wirearchy ist der dynamische Zwei-Wege-Fluss von Macht und Autorität basierend auf Wissen, Vertrauen, Glaubwürdigkeit und dem Fokus auf Resultate. Dieser wird durch vernetzte Menschen und Technology geschaffen.“

Selbstverständlich ist dieses Prinzip mehr als nur diese eine Definition. Was ich jedoch frappierend finde, dass es als Organisationsprinzip ziemlich viele Bestandteile mit der Holacracy teilt. Die Holacracy verteilt eben auch die Macht und verbundene Aspekte an die Stellen und Situationen, wo  sie gebraucht werden. Dabei entkoppelt die Holacracy diese von Personen und Positionen.

Diskussion

Ich habe die nachfolgende Diskussion im stattgefundenen Format belassen. Die Übersetzung erfolgte nach meinem Verständnis. Wer sich mit dem Original befassen möchte, kann der Facebookdiskussion folgen.

Die Reaktion auf meine Verlinkung des Posts von Ruben Timmerman:

Jon Husband:

Ich denke, genau hier liegt das Problem. Ich glaube der Autor versteht die Dinge die er erklärt selbst nicht.

Beispiel A: In diesem Satz rät er, dass ein System nicht notwendig ist und dass ein Rahmenwerk zu bevorzugen ist. (In seinen Augen ist Holacracy ein solches Rahmenwerk) Am Ende des Absatzes bezeichnet er es jedoch dann doch als „System“.

Was ist es denn nun? Ein Rahmenwerk oder ein System? Ich würde es als System bezeichnen, dass unter einem oder mehrere Prinzipien entwickelt wurde. Die meisten Vorwürfe gegenüber dem System bestehen heute aus „zu viele Regeln“ und „hoch statisch“.

Das Problem an der Sache ist, dass Organisationen Modelle mögen und im Besonderen lieben sie präskriptive Modelle, denn sie machen die Vorgänge verwaltbar, sie können gemanagt werden, man kann sie messen und vor allem sind sie homogen übersichtlich.

Der Aspekt, denn ich an der Holacracy mag ist, dass die Menschen herausgefordert werden in Gruppen zusammenzuarbeiten, zu experimentieren und ihr Selbstmanagement zu verbessern.

Aber Holacracy is auf gar keinen Fall Nicht-Hierarchie und es ist, so denke ich, mehr präskriptiv als ein Rahmenwerk.

Hier ist der Abschnitt, denn ich in Frage stelle:

„And this is exactly the point: you need a framework for running these experiments. A way of coming up with them, of making sure the organization still executes whatever it should, a way to measure progress and impact, and ways to document what works. Holacracy is such a system.”

Sebastian Thielke:

Ich gebe Dir Recht, Jon. Ich aus meiner Perspektive habe herausgefunden, dass das System Holacracy sich am besten beschreiben und anwenden lässt, wenn man sich nicht stoisch und dogmatisch an das Regelwerk hält, sondern wenn man es tatsächlich als Rahmenwerk mit System-übergeordneten Prinzipien anwendet.

Ich denke, dass es falsch ist, Holacracy als Nicht-restriktives System zu betrachten. Eigentlich ist es ein umfassende Anleitung und Sammlung von Regeln und Vorschriften. Und diese Regeln sind am Anfang des Einsatzes von Holacracy schwer einzuhalten. Aus meiner Sicht ist der Vorteil darin zu finden, dass Entscheidung und Macht an der Front sind, wo sie auch tatsächlich eingesetzt werden müssen. Wenn ich es richtig betrachte, dann könnte die Holacracy eine Menge von den Grundprinzipien der Wirearchy lernen. Oder noch besser, Wirearchy ist Bestandteil des System Holacracy.

Jon Husband:

Ja, gut. Aber/und Ich würde sagen, dass die Wirearchy ein aufkommendes Prinzip ist und das die Holacracy eine Methode oder System sein kann, welches unter dem Organisationsprinzip erdacht bzw. designt wurde.

Ein frühes und unreifes Beispiel in der Anwendung.

Sebastian Thielke:

Genau das wollte ich damit ausdrücken. Und vor allem muss es sich entwickeln. Aber es kann sich nur entwickeln, wenn wir die Fehler durch ausprobieren und praktizieren herausfinden. Die Konstitution der Holacracy wird immer weiterentwickelt und damit auch das gesamte System. Vielleicht kann das Organisationsprinzip der Wirearchy dem Ganzen einen Schubs in die richtige Richtung geben.

Der Nachteil der Holacracy liegt meiner Meinung nach in seinen Wurzeln: Robertson hat es aus dem Bedürfnis heraus entwickelt, einen agileren Ansatz für Programmierung und Prozesse zu haben. Es versucht über diesen Ansatz hinaus zu wachsen aber es ist leider an seine Wurzeln gefesselt.

Jon Husband:

Jupp, genau das ist es. Es ist eine Software/ Ingenieur basierende Sicht auf Arbeit und Organisation, welche versucht den Wasserfall-Ansatz mit Agilität abzugleichen.

Sebastian Thielke:

Aber dieser Ansatz birgt auch ein richtig gutes Potential, weil es eben versucht Macht, Autorität und Wissen an den Handlungs- und Entscheidungspunkt zu bringen. Ich den Ansatz, dass Rollen fluide sind und unter andauernder Entwicklung stehen und das in jedem Aspekt der Holacracy.

Jon Husband:

Aus meiner Sicht würden sich in vielen traditionellen hierarchischen Organisationen fluide Rollen relative einfach umsetzen lassen.

Sebastian Thielke:

Ja, da stimme ich vollkommen zu. ABER manchmal braucht es auch einen totalen Neustart, um alte Verhaltensweise abzulegen. Wenn wir den Fall von VW und dem Dieselskandal betrachten, bin ich eher skeptisch, ob sich die Positionen dort in Rollen umgestalten lassen und diese dann auch noch fluide sein können. Da ist die wahrgenommen Komfortzone viel zu etabliert.

Jon Husband:

Stimmt.

Dazu kommt, dass es etablierte und unkritisierte Akzeptanz von traditioneller Arbeit bzw. Job, Design Methoden, Bezahlpraktiken und –Vorschriften sowie Managementmodelle gibt, die Monat für Monat ihre eigentliche Relevanz verlieren.

Wie auch immer, es gibt einen Struktur-gestalterischen Unterschied zwischen einer Maschinen-Metapher und der Netzwerk Metapher. Dieser ist fundamental und essentiell. Und bis heute gibt es wenige anerkannte und neue Methoden sowie Prinzipien, die sich dem Zähmen bzw. den Umgang mit Auswirkungen von Netzwerken und vernetzten Menschen in Informationsflüssen befassen.

Sebastian Thielke:

Das stimmt. Es gibt nur wenige. Aber es gibt auch die übergeordnete Frage: Soll man es tatsächlich zähmen? Nocheinmal, hier sehe ich einen großen Vorteil der Holacracy. Das System verlangt ein hohes Maß an Selbstmanagement. Es ist eben eine Art und Weise sich selbst zu zähmen. Aber ich denke auch, dass es nicht notwendig ist, vernetzte Menschen und ihre Informationen, Erkenntnisse und Weisheiten zu zähmen. Ich denke, wenn man sich aneignet es auf dem persönlichen Level im Zaum zu halten, dann ist das der richtige Weg. Es generell zu zähmen hat sowas von Kontrolle und Überwachen. Und wir wissen alle, dass Kontrolle der beste Weg ist, die Übersicht, die Menschen und das Wozu aus den Augen zu verlieren.

Jon Husband:

Ja.

PKM auf der individuellen Ebene (a la H. Jarche) ist das fundamentale Konzept und Disziplin/Fähigkeit dazu sind der richtige Weg sich Richtung Wirearchies zu entwickeln.

Vielen Dank an Jon Husband, dass wir daraus einen Blog machen konnten. Ich denke somit bekommt alle einen vernetzten Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Prinzipien, System und Rahmenwerken.